Radius: 10 km

Henri-Chapelle American Cemetery and Memorial

Ein Friedhof als Ausflugtipp? Hm. Auch wenn es sich seltsam anfühlt, würde ich hier gerne eine Besuchsempfehlung für den nicht weit hinter der Grenze liegenden American Cemetery in Henri-Chapelle aussprechen. Wenn man den Hauch einer Ahnung bekommen möchte, wie es auf Amerikanischen Friedhöfen wie Arlington aussieht, braucht man nur die 25 Minuten von Aachen in die sanft hügelige Landschaft fahren.

Auf dem American Cemetary liegen 7992 amerikanische Soldaten begraben. Alle gefallen im 2. Weltkrieg oder kurz danach an Verletzungen verstorben. Das sind zwar 900 Soldaten weniger als im niederländischen Margraten, dem anderen Amerikanischen Soldatenfriedhof an der Westfront so nah an Aachen, aber unfassbar viele.
16.792 tote Soldaten alleine auf amerikanischer Seite. Hinzu kommt ein Vielfaches an weiteren Soldaten der Aliierten, an deutschen Soldaten, an der Zivilbevölkerung - alle gestorben im Umkreis Aachens. Distanzen, die man mit dem Fahrrad (und heutzutage sogar ohne Ausweis) zurücklegen kann.
Selten ist mir der Schrecken des Krieges und die Sinnlosigkeit so vieler Opfer so bewusst geworden wie angesichts dieser sanft gerundeten uniformen Steinkreuze im Schnee, der sie alle noch etwas gleicher aussehen ließ, als ohnehin schon. Oft Daten rund um den Dezember 1944, die Tage der Ardennenoffensive, als die Schlacht um Aachen schon geschlagen war.

Frieden. 

Ich habe einen sehr guten Geschichtsunterricht erlebt. Ich kenne die Bilder Aachens nach dem Krieg. Ich habe einen Aachener Opa, der als Sanitäter in Russland war und gerade in seinen letzten guten Tagen viel erzählte. Von seinen Kameraden, die er aus dem Graben ziehen musste. Er hat nicht mit Details gespart.
Sein Geburtstag war der 8. Mai und er hat Zeit seines Lebens von seinem schönsten Geburtstag erzählt. Dem im Jahr 1945, als er einen ganzen Krieg verlor.
Aber meine wirklichen Berührungspunkte mit dem 2. Weltkrieg waren doch bisher recht gering. Ich bin kein Bewohner der Gebiete, die nach dam Krieg nicht mehr zu Deutschland gehörten, keiner dieser Menschen, die sich täglich fragen, wie anders alles gekommen wäre, wenn der Krieg anders ausgegangen wäre, wenn die Grenze nur bis zum Haus nebenan verschoben worden wäre wie viele in Ostbelgien. Es liegt ja schon weit zurück.  Meine Familie hat im Bunker gelebt, auf verschollene Onkel gewartet, Kriegsinvaliden heimgeschickt bekommen, hat nach dem Krieg gehungert, geschmuggelt und um das Überleben ihrer Neugeborenen gebangt, aber ich kenne zum Glück keinen Soldaten in meiner Familiengeschichte, der den kompletten Rest seines Lebens nicht mehr erleben durfte. Damals, als er 20 war. Oder 15 wie so viele Zwangseingezogene auf deutscher Seite. 
Fassungslos hab ich lange auf die Kreuze und die vereinzelten Davidsterne gestarrt. Ganz viele deutsch-klingende Namen: So hatte sich bestimmt keiner den Besuch im Land seiner Vorfahren vorgestellt.
Aber es hat mich nicht wirklich "runtergezogen": es hat mich nachdenklich gemacht. Und dankbar gemacht. Dankbar, dass ich mittlerweile doppelt so alt bin wie viele der jungen Männer, die dort liegen. Dankbar, dass ich meinen Kaffee mit dem Fahrrad aus Vaals holen kann. Dankbar für jedes zähe Côte D'Or-Bonbon, das mir mein Opa beim Tabakkaufen in Petergensfeld zusteckte. Dankbar, dass man meinen Nachbarn heute nicht einfach weg holt. Dankbar, dass ich die Wahl habe, zu leben, wo ich will. Dankbar für die kulturelle Vielfalt in meinem Leben.

Dankbar für Europa.
Auf einem amerikanischen Friedhof irgendwo im belgischen Nichts, 17 Kilometer hinter der Grenze.
Seltsam.
Fahrt mal hin.

                    

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