Radius: 10 km

Wildpark Gangelt

Weshalb es mich kürzlich in einen Wildpark nach Gangelt - also etwa 40 Minuten von Aachen - verschlagen hat? Ich mag Wildparks. Wirklich. Ich schaue mir liebe heimische Tiere an als die süßesten Pinguine bei 35°C im Zoo. Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, dass dort Lobbyarbeit für die Wieder-Ansiedlung (ehemals?) einheimischer Tierarten geleistet wird. Aus dem London Zoo nahm ich damals kurz nach seinem Umbruch den schönen Begriff "Recreation in Action" mit - "Neuerschaffung".

Wir wollten also der 12-jährigen zeigen, was mal alltäglich durch die Wälder strich, bevor man sich über jedes Reh auf einer Wiese 300 Meter neben der Autobahn freute. Ich kenne z.B. Störche nur von den Polen-Besuchen bei meinen Großeltern. Da lebten sie direkt auf dem Nachbarhaus. Sie kannte Störche noch gar nicht.

Der Wildpark Gangelt ist weitläufig und nur auf einem bestimmten Weg rollstuhlgerecht.

Unter Umständen muss man auch weiter weg parken, da die Plätze am Park nur ca. 30 Stück sind. Der Eintritt kostet derzeit 4,50 € pro Kind (5-15 Jahre) und 7,50 € pro Erwachsenem. Eine Familienkarte für 22,50 € lohnt also auch nur ganz knapp ab zwei Erwachsenen und zwei Kindern. "Familie" definiert sich also auch hier immer noch durch mindestens zwei Kinder. 
Aber nun weiter im Rundgang: Bei uns drängte ein wenig die Zeit, weil wir die Fütterung der Wölfe am anderen Ende des Parks sehen wollten. Wir wollten natürlich wie so viel zu den Raubtieren. :-)

Flugs ging es durch die Falknerei, wo sich mit den aufgereihten Raubvögeln vor kleinen dreieckigen Häuschen ein recht seltsames Bild bot: Starr wie ausgestopft saßen sie dort und ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Ich hätte jetzt nicht vermutet, dass sie in ihrer Freizeit zwischen den zwei täglichen Flugschauen Fußball spielen, aber das mutete mehr wie ein Museum an als wie ein Wildpark...

Der große Uhu war aber trotzdem traumhaft schön - solche Tiere sieht man ja gerne aus der Nähe - alleine schon, weil man sich die enorme Größe so schwer vorstellen kann. Aber auch er interessierte sich nicht nennenswert für uns. ;-) Hügel hoch, Hügel runter, an den Elchen vorbei (die wohl seit Caesars Zeiten aus dem Aachener Raum verschwunden sind...) zu besagten Wölfen.

Der bärtige Tierfütterer belehrte gerade ein paar Kinder, dass man mit "den leeren Gehegen" leben müsse, da dies ja ein Wildpark und kein Zoo sei. Dann schmiss er das rohe Fleisch auf den Elektrozaun und brauste in seinen Golfkart mit diversen Eimern von dannen. Wir wurden eine gute Viertelstunde Zeugen, wie zwei (von offiziell sechs) Wölfe mehr oder weniger lustvoll überlegten, wie sie an das Fleisch kämen, ohne an den Zaun zu kommen. Ob das dieses "artgerecht füttern" ist, brauchen wir sicher nicht zu diskutieren. Wir wollten es irgendwann gar nicht mehr sehen - und keine Erklärungsversuche ratloser Eltern auf die Frage "Papa, warum holt der Wolf sich das Fleisch nicht?" mit anhören. Ich hoffe, es war eine Ausnahme, aber es war nun mal an jenem Tag so.
Wir machten uns lieber auf die Socken zur Imkerei, dem Lernbienenstand im Wildpark Gangelt. Von nah und fern gab es dort fleißige und schwärmende Bienen zu bewundern, es wurde der Aufbau eines Bienenstocks dargestellt und auch die Arbeit des Imkers wurde bestens erläutert. Alte Honigschleudern und Rauchpfeifen gab es ebenso zu bestaunen. Ein freundlicher Herr erklärte den Besuchskindern alles, was sie wissen wollten und außerdem konnte man dort nahezu alles aus Honig kaufen.
Danach kamen wir zu den laut und anhaltend klappernden Störchen und konnten dem Kind erklären, woher der Begriff "Klapperstorch" kommt, der es ja nun mal nachweislich vor 12 Jahren gebracht hatte. ;-)
Weiter ging es an einem Hirsch vorbei, (der aufgrund einer Augenentzündung Probleme hatte, ihm hingehaltenes Futter zu lokalisieren) weiter zu den Braunbären.
Derer gib es dort eine stattliche Anzahl, die aber eigentlich in ihrem riesengroßen Gehege nur an der Stelle herumsaßen, wo das meiste Futter zu erwarten war. Die großen Teddies wirkten friedlich-verfressen und hatten keine Scheu vor den Menschen, die von einem Podest in ihr Gehege schauten. Reinfallen wollte dort aber trotzdem niemand. ;-)
Es gab noch ein paar kleine Wassertiere wie einen vorwitzigen Fischotter, ein anscheinend leeres Waschbärgehege und andere Kleintiere wie einen Baummarder, immerhungrige Mufflons und eine einzelne Europäische Wildkatze, die einen Rundkurs in ihrem Gehege festtrampelte, als wäre es die neue Formel-1Strecke in Abu Dhabi.
Ja, ich bin keine Biologin, keine Verhaltenstherapeutin und auch sonst nicht tierisch bewandert. Aber ich weiß, bis wo ich mich in einem Wildpark wohlfühle und trotz riesengroßer weitläufiger Gehege war das hier nicht wirklich der Fall:
der Spagat zwischen WILDpark, in dem man die Tiere so weit wie möglich sich selbst überlässt und Besuchsmagnet in einem ansonsten recht reizlosen Umfeld ist meiner Meinung nach nicht geglückt, was einmal an den Infos an den Gehegen liegt und zum anderen an dem Umgang mit den Tieren selbst: die Beschäftigungsalternativen zu den starrenden Parktouristen scheinen nicht allzu verlocken. Lieber schaut man sich Menschen an als irgendetwas im Gehege: vielleicht gibt es ja Futter.
Die fellfreien Stellen am Hals von Rehen, wo beim langhälsigen Futterschlecken aus Besucherhänden der Drahtzaun immer an derselben Stelle eine Grenze aufzeigte, verdeutlichen, wie "wild" die Tiere nur noch waren.
Aber ja, ich ahne auch, wie enttäuscht viele Kinder sind, wenn die (angeblich sechs) Waschbären lieber hinten im Gehege Party machen, wo sie sie nicht sehen können. Es ist sicher ein Teufelskreis und ich beneide die Parkmacher nicht darum, aber Futter auf Elektrozäunen kann nicht die Lösung sein.
Die Website wirkt auf mich jedenfalls deutlich liebevoller (Okay, der Imkerverein lädt gerade mit einem Mufflon als Artikelbild ein und neben dem Artikel mit den frischgeborenen Jungtieren zeigt ein ausgewachsener Braunbär seine Zähne... ;-)) als ich es im Park empfunden habe. Vielleicht schafft es das Storytelling des Wildparks im nächsten Schritt aber wenigstens aus der Virtualität bis an die Gehege. Das wäre wünschenswert und ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe eines Wildparks: Sympathien für Tiere schaffen - kein Mitleid.

Hier nochmal die Homepage mit immer aktueller Adresse und Öffnungszeiten
Hochwild-Freigehege GmbH & Co KG Gangelt - Schinvelder Str. - 52538 Gangelt

P.S.: Die Parkgastronomie konnten wir leider nicht testen, da sich dort niemand für uns zuständig fühlte und wir nach einer Viertelstunde lieber weiter zogen... :-/

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